Satzung und Historie

Die Gründung des TV Germania 1899 Ostwig

Am 25. Mai 1899 fanden sich im Wirtshaus Nieder einige turnfreudige Männer zusammen und beschlossen, sich den Jahn´schen Ideen der Turnerei zu verschreiben. An diesem Tag wurde der Turnverein „Germania“ 1899 Ostwig gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern zählte auch der Gastwirt August Nieder selbst, der zunächst den Saal seiner Wirtschaft zum Turnen zur Verfügung stellte.

Fünf Wochen später, am 1. Juli 1899, wurden die ersten Statuten, gewissermaßen die Urform unserer heutigen Satzung, aufgestellt. Diese Statuten sind uns noch heute im Original erhalten. Bis zur ersten ordentlichen Generalversammlung am 6. Januar 1900 wuchs der Verein langsam aber beständig an Mitgliedern an. Jedoch verfügte der Turnverein Germania Ostwig ausweislich des ersten „Contobuches“ über den mageren Kassenbestand von 3,50 Mark.

Aufgrund der schlechten Kassenlage und mangels Unterstützung durch die Gemeinde Ostwig oder sonstige Dritte war es zunächst auch nicht möglich, Turngeräte zu kaufen. So wurde das erste Turngerät, ein Reck, von einigen begeisterten und vom Idealismus beseelten Turnern aus eigenen Mitteln finanziert und gebaut. Erst nach vierjährigem Turnbetrieb war der Verein im Jahr 1903 in der Lage, Barren und Pferd aus Vereinsbeständen zu beschaffen. Eine Vereinsfahne wurde jedoch bereits 1902 erstanden und diese tat dem Turnverein Germania Ostwig bekanntlich bis zur Neuanschaffung der Fahne im 100-jährigen Jubiläumsjahr 1999 ihre Dienste.

Im Sommer 1899 wurde zunächst im Hofraum der Gastwirtschaft Nieder geturnt. Schon nach kurzer Zeit wurde der Turnbetrieb in das alte Schützenzelt verlegt, in welchem aber wegen der fehlenden festen Überdachung auch nur sommertags geturnt werden konnte. Als Aufbewahrungsraum für die Turngeräte diente die dort stehende Schänke. Von hier aus ging die Odyssee weiter und man turnte in der früheren Werkstatt des Schreinermeisters Leiße an der Elpe, der späteren Wohnung des Turnbruders Richard Friedhoff. Dann erfolgte der Umzug in die sogenannte „Schmitte“ der alten Schule gegenüber der Schützenhalle (heute Vorderwülbecke), die diese Bezeichnung noch aus ihrer ursprünglich gegen Mitte des 19. Jahrhunderts angedachten Funktion als Schmiedewerkstatt für die in Ostwig geplanten Verhüttungsbetriebe trug. Als auch dieser Raum für das Turnen nicht mehr verfügbar war, zog man zurück in den Saal des ursprünglichen Vereinshauses Nieder. Ein späterer, nochmaliger Ortswechsel erfolgte in das Gastzimmer und auf die Kegelbahn der damaligen Gastwirtschaft Bannenberg neben der Kirche, wo allerdings auch nur in notdürftiger Weise geturnt werden konnte.

Die „Statuten“ regelten von nun an die Rechte und Pflichten der „Zöglinge“ bis zu 14 Jahren, der „Mitglieder“ bis zu 28 Jahren und der „Turnfreunde“ über 28 Jahre hinaus, die „am praktischen Turnen nicht mehr teilzunehmen wünschen“. Interessant sind aus heutiger Sicht besonders die Regelungen zur Turnordnung und zum Strafwesen. So regelte die Turnordnung unter anderem die Pflichten des Vorturners, der „sich durch fleißiges Wirken und Sinnen in der Turnkunst die zu diesem Amte und zur stufenweisen Übung des Turnens erforderlichen Kenntnisse anzueignen“ und „seinen Mitturnern sowohl beim Turnen wie im öffentlichen Leben stets mit gutem Beispiel voranzugehen und die Statuten des Vereins stets hochzuhalten“ hatte. Die Mitturner hingegen hatten zum Beispiel die Pflicht „zur festgesetzten Zeit auf dem Turnplatz bzw. im Turnlokale zu erscheinen; nur Krankheit oder sonst sehr dringende und zu benennende Gründe dürfen Grund zum Versäumnis abgeben“.

Der gesamte Turnbetrieb wurde geregelt und Zuwiderhandlungen mit teils recht hohen Strafen belegt. Wie weit die Statuten wirkten zeigt auch § 4 des Strafwesens: „Strafen von 50 Pfennig haben Mitglieder zu zahlen, welche nicht an der Beerdigung eines verstorbenen Mitglieds teilnehmen“.

Aber nicht nur die strenge Ordnung bestimmte die ersten Jahre. Die preußischen Tugenden allein würden die Ideale der Gründer wohl nicht ausreichend wiederspiegeln. So veröffentlichte der 1. Turnwart Ludwig Liese im Jahr 1907 zum Beispiel ein Liederbuch für die vielen fröhlichen und ausgelassenen Stunden, die die Turnerei ihren Anhängern bescherte.

Am 18. Januar 1911 erging durch den preußischen Kultusministers seitens der Regierung ein umfangreicher Ministerialerlass, dass überall im Reich die Jugendpflege besonders gefördert werden solle. Auch der Turnverein profitierte hiervon und bekam endlich eine bleibende Übungsstätte. Er zog mit seinen Geräten in das aus diesen Jugendpflegemitteln frisch erbaute Jugendheim der Schützenhalle und endlich bot sich die Möglichkeit, einen geordneten Riegenbetrieb aufzubauen.

Die Teilnahme am Kreisturnfest in Münster im Juni 1914 war dann der wohl letzte öffentliche Auftritt Ostwiger Turner, bevor der immer stärker anwachsende Turnbetrieb im August 1914 durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs jäh unterbrochen und fast völlig lahmgelegt wurde. Ein großer Teil der Ostwiger Turner wurde zum Kriegsdienst eingezogen - 21 von ihnen kehrten nie wieder in ihre Heimat zurück. Dieser so unsinnig Getöteten gedenkt der Verein noch heute durch eine im Eingangsbereich der Turnhalle hängende Ehrentafel.

Unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde der Turnverein von den in die Heimat zurückkehrenden Turnern zu neuem Leben erweckt. Nach der Abdankung Kaiser Wilhelms II. befand sich das gesamte Deutsche Reich in einer Phase des Umbruchs und der Neukonstitution. Kurz nach den Wahlen zur Nationalversammlung und vier Tage vor der Eröffnung derselben in Weimar konstituierte sich auch am 2. Februar 1919 der Turnverein in Ostwig neu. Während sich jedoch vor dem Krieg der Turnbetrieb fast ausschließlich auf das Geräteturnen und auf leichtathletische Freiübungen beschränkte, sollte von nun an auch der Spielbetrieb verstärkt und im Repertoire des Vereins etabliert werden. Hierfür wurde südlich der Schützenhalle der erste „Spielplatz“ für den Verein, das sogenannte „Gebügge“, in mühevoller Arbeit selbst eingeebnet. Aufgrund der nunmehr zur Verfügung stehenden Turn- und Spielfläche wurde dem Verein die Ehre zuteil, sein bis dahin größtes Fest in Ostwig ausrichten zu dürfen. Am 20. und 21. Mai 1921 feierte der TV Germania Ostwig das Gauturnfest des Sauerländer Turngaus, welches zu einem Massenaufgebot und einer Demonstration der Geschlossenheit der gesamten Sauerländer Turner wurde.

Der Verein bestand die Bewährungsprobe mit Bravour und erreichte, dass sich die öffentliche Meinung - insbesondere die Kirche stand dem Turngedanken noch immer sehr kritisch gegenüber - durch dieses Gautunfest in Ostwig zum Besseren wandelte. Die Fröhlichkeit und Begeisterung der Sauerländer Turner an diesen zwei Tagen im Mai 1921 halfen dem Turnverein, seine uneingeschränkte gesellschaftliche Anerkennung im Dorf zu erlangen.

Damit entwickelte sich die Vereinsarbeit, insbesondere aber auch die Jugendarbeit, immer mehr in die Breite. Der Verein legte immer größeren Wert darauf, nicht ausschließlich die begabten Turner zu fördern, sondern insbesondere ein breit gefächertes Angebot auf allen Gebieten des Sports zu bieten, unter denen die Ballspiele eine immer größere Rolle einnahmen. Besonders bei Kindern und Jugendlichen wurde das Interesse am Turnverein immer größer. Im Jubiläumsjahr 1924 konnte der 1. Vorsitzende Ferdinand Hegener stolz resümieren:

„Diese Siege zeugen von der energischen Arbeit, die im Verein im Interesse der Jugend und zum Besten unseres kranken Vaterlandes geleistet wurde. So stehen wir heute, nach Ablauf von 25 Jahren, vor unserem Jubelfeste mit einer Mitgliederzahl von 147 älteren Turnern und 65 Jugendlichen. Möge der Verein das Erbe unseres alten Turnvaters Jahn stets fördern, und für alle Zeiten sein ein kräftiges Mitglied der Deutschen Turnerschaft, eine Stätte zur Pflege des Körpers und des Geistes zum Wohle unseres armen Vaterlandes. - Gut Heil.“